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Aktueller newsletter

newsletter 2/20


Sehr geehrte Empfänger unseres newsletters,


„seitdem wir wissen, dass sich Menschen weltweit mit dem Corona-Virus infizieren werden, hat sich auch unsere Republik verändert“, so habe ich den 1. Newsletter im März eingeleitet. Mittlerweile hat sich vieles verändert. Unsere Versammlungen finden überwiegend als Video- und Telefonkonferenzen statt, an vielen Stellen ist die Arbeit der Seniorenräte zum Erliegen gekommen oder wieder andere mussten sich neu erfinden.
Ein Gefühl von Sommer liegt in der Luft. Für viele war Pfingsten ein willkommener Anlass, um ein wenig Abstand zu gewinnen – von der Corona Zeit. Das Thema ist vielleicht für manche ein wenig in den Hintergrund gerückt und nicht mehr ganz so präsent wie noch vor einigen Wochen. Dennoch bleiben die Auswirkungen der Pandemie brisant. Ebenso die Ungewissheiten und offenen Fragen, mit denen umzugehen wir weiterhin lernen müssen, sowie das Virus selbst. Umso mehr sollten wir weiterhin aktiv und wach bleiben für die Dinge, die wir in der Hand haben.


Videokonferenzen, Webinare und YouTube-Videos wurden in dieser Corona- Zeit gestaltet. Auch ich habe mit dem Leiter des Mehrgenerationenhauses in Schwäbisch Hall ein Interview geführt zum Thema „Gut alt werden“, das Sie hier runterladen können:


https://www.youtube.com/watch?v=F1l2svjuyaU


Ich wünsche Ihnen jedenfalls auch weiterhin gute Gesundheit.


Ihr Karl-Heinz Pastoors

Stellungnahme des Kreisseniorenrats zur Corona-Prämie für Pflegekräfte
 
Kreisseniorenrat Schwäbisch Hall: Einmal Klatschen reicht eben nicht
 
Die Corona Krise zeigt, wie wichtig Pflegekräfte sind. Der Pflegebonus von einmalig 1.500 Euro ist "völlig unzureichend und eine einmalige nette, kleine Geste der Wertschätzung, löst aber überhaupt nicht das Problem“ so der Kreisseniorenrat Schwäbisch Hall. "Es ist keine angemessenen Entschädigung gemessen an der Leistung in der Altenpflege, besonders unter den erschwerten Bedingungen und den besonderen Belastungen in der Corona-Krise. Die Mitarbeiter*innen in der Altenpflege sind mit ihrem Einsatz für erkrankte und pflegebedürftige Menschen in den vergangenen Wochen bis an ihr Limit und oft genug über die Belastungsgrenze hinausgegangen,“ heißt es weiter. „Die Einkommenssituation in der Altenpflege ist von jeher nicht sehr rosig, hinzu kommt der Personalmangel und die schwierigen Arbeitszeiten", sagt der Vorsitzende Karl-Heinz Pastoors. Der Kreislauf von schlechter Bezahlung, Fachkräftemangel und unzureichenden Arbeitsbedingungen ist bedauerlicherweise in der Vergangenheit von vielen in Kauf genommen worden. „Durch eine Einmalzahlung ist das Altenpflegeproblem nicht zu lösen. Wir brauchen eine komplette Neubewertung der Pflegearbeit.“ Kritik übt auch der Seniorenrat auch daran, dass der Bonus nur an Alten-, nicht aber an Krankenpfleger in den Krankenhäusern und den Mitarbeiter*innen in der Behindertenarbeit ausgezahlt wird. "Es ist sehr bedauerlich, dass die bundesweite Vereinbarung nur die Altenpflege in den Blick nimmt", so der Kreisseniorenrat

Wie man erfolgreich einen gesunden Lebensstil einübt
 In Zeiten von Homeoffice und Lockdown verbrachten wir alle zwangsläufig mehr Zeit zuhause. Und da warteten dann allerlei Versuchungen: wozu hübsch anziehen – sieht ja eh keiner; wozu umständlich kochen – eine Tafel Schokolade oder eine Pizza machen auch satt; wozu spazieren gehen oder joggen – auf dem Sofa ist es viel bequemer ... Kurzum: Der innere Schweinehund bekam ordentlich Futter!
Jetzt haben Forscher herausgefunden, wie man mit solchen Situationen besser umgehen kann, damit allfällige Verhaltensänderungen erfolgen und innere Widerstände überwunden werden können. „Self-Nudging“ heißt das Zauberwort, was nichts anderes bedeutet als: gib dir selbst einen Ruck, denn „to nudge“ bedeutet „stupsen“. So ein kleiner Knuff kann z. B. darin bestehen, freundliche Hinweise und Erinnerungen an sich selbst so zu platzieren, dass sie ständig ins Auge fallen. Zum Beispiel eine Schale mit Obst ständig auf dem Esstisch zu platzieren, eine Flasche Wasser neben dem Bildschirm auf dem Schreibtisch. Ein solcher Schubs kann auch sein, einer bevorstehenden Handlung unter anderen Gesichtspunkten zu sehen, ihr einen anderen Rahmen zu geben, z. B. den Spaziergang als Fürsorge für sich selbst und die eigene Gesundheit zu verstehen anstatt als vorbeugende Maßnahme gegen Herz-Kreislauf-Krankheiten. Damit ändert sich die Sichtweise: Die Gesundheit steht im Mittelpunkt, nicht eine mögliche Krankheit. Für Medien-Junkies empfiehlt es sich, die automatischen Benachrichtigungen abzustellen und das Smartphone am Abend ab einer gewissen Uhrzeit einfach auszuschalten und außer Sichtweite zu legen.
„Wir alle haben in unseren Köpfen und Körpern verschiedene Bedürfnisse und Wünsche, die ständig miteinander in Verbindung treten“, sagt die Philosophin Samli Reijula, die zusammen mit anderen Wissenschaftlern die Methode des „Self-Nudging“ entwickelt hat. „Self-Nudging kann dabei helfen, bewusster mit diesen inneren Verwandlungsprozessen umzugehen. So kann mit ganz praktischen Werkzeugen die Selbsterkenntnis gefördert werden.“

 
UNSERE ZUKUNFT –NICHT OHNE DIE ALTEN MENSCHEN
Appell zur Humanisierung unserer Gesellschaften.
 
Nein zu einem selektiven Gesundheitswesen. In der Covid-19-Pandemie sind die alten Menschen in vielen europäischen Ländern wie auch anderswo in Gefahr. Die dramatischen Zahlen der Toten in Heimen lassen uns schaudern. Es wird viel zu überdenkengeben, was die öffentlichen Gesundheitssysteme betrifft und die notwendigen Maßnahmen, um alle zu erreichen und wirksam zu behandeln. Ziel muss auch sein, von der Institutionalisierung alter Menschen weg zu kommen. Wir sind jedoch besonders besorgt über die traurigen Geschichten des Hinsterbens alter Menschen in Heimen. Dies alles wäre nicht geschehen, wenn nicht die Idee um sich greifen würde, dass es möglich sei, ihr Leben zugunsten anderer zu opfern.
Papst Franziskus bezeichnet dies als Wegwerfkultur, die den alten Menschen das Recht nimmt, als Menschen betrachtet zu werden, und sie als Nummer ansieht, und in bestimmten Fällen nicht einmal das. In vielen Ländern taucht im Zusammenhang mit der Behandlungs-bedürftigkeit ein gefährliches Modell auf, das sich für ein selektives Gesundheitswesen ausspricht, in dem das Leben von alten Menschen als zweitrangig betrachtet wird. Ihre größere Verletzlichkeit, das fortgeschrittene Alter und die möglicherweise vorliegenden weiteren bei ihnen bestehenden Erkrankungen sollen danach eine Form der Auswahl zugunsten der Jüngeren und Gesünderen rechtfertigen. Sich resigniert damit abzufinden ist menschlich und rechtlich inakzeptabel. Die demokratische und humanitäre Ethik sind darauf gegründet, keinen Unterschied zwischen Menschen zu machen, auch nicht aufgrund des Alters. Diese Prinzipien finden sich in einer religiösen Sicht des Lebens, aber auch in den Menschenrechten und im ärztlichen Ethos. Hier darf man sich keinesfalls auf irgendeinen Notstand berufen, nach dem Abweichungen von diesen Prinzipien gerechtfertigt wären oder zur Regel gemacht würden.
Die These, dass eine kürzere Lebenserwartung rechtlich einen geringeren Wert eines Lebens zur Folge hätte, ist aus juristischer Perspektive eine Barbarei. Dass dies von außen (seitens des Staates oder des Gesundheitswesens) ohne Beachtung des Willens einer Person auferlegt wird, bedeutet eine weitere nicht akzeptable Beschneidung der Rechte des Individuums. Der wichtige Gedanke, dass die Generation der alten Menschen ein Kapital darstellt, findet sich weiterhin in allen Kulturen. Zu akzeptieren, dass ihr ein anderer Wert zukäme, zerreißt das soziale Netz der Solidarität zwischen den Generationen und spaltet die gesamte Gesellschaft. Wir dürfen die Generation nicht sterben lassen, die gegen die Diktaturen gekämpft, sich um den Wiederaufbau nach dem Krieg gemüht und Europa aufgebaut hat.
Den vorzeitigen Tod der alten Menschen auf dem Hintergrund einer utilitaristischen Mentalität zu akzeptieren erzeugt eine Hypothek für die Zukunft, spaltet die Gesellschaft in Altersgruppen und führt das gefährliche Prinzip der Ungleichheit der Alten ein. Wir glauben, dass es notwendig ist, nachdrücklich die Prinzipien der Gleichbehandlung und des universalen Rechts auf Behandlung einzufordern, als Errungenschaften der letzten Jahrhunderte. Alle notwendigen Energien müssen investiert werden, um die größte Zahl an Leben zu retten und den Zugang zur Behandlung für alle zu ermöglichen. Der Wert des Lebens muss gleich für alle bleiben. Wer das zerbrechliche und schwache Leben der Älteren abwertet, bereitet einer Entwertung jeden Lebens den Weg.
Mit diesem Appell drücken wir unseren Schmerz und unsere große Sorge über die zu vielen Todesfälle bei alten Menschen in diesen Monaten aus und wünschen uns eine moralische Revolte, damit bei der Behandlung alter Menschen ein Richtungswechsel erfolgt und damit vor allem die besonders Verletzlichen nie als eine Last oder, schlimmer noch, als unnütz betrachtet werden.
santegidio.de
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Kritische Analyse zur aktuellen Situation in Pflegeeinrichtungen veröffentlicht
 
   
 
„Die Lebenswelt der Pflegeheime ist eine extreme Form der Ausgrenzung.“ Das schreibt der Vorstandsvorsitzende des Kuratoriums Deutsche Altenhilfe (KDA), Frank Schulz-Nieswandt, in seiner Analyse. Er stellt fest, dass Menschen in Pflegeheimen verstärkt dem sozialen Tod infolge von sozialen Ausgrenzungen ausgesetzt würden - in der Corona-Krise stärker als zuvor. Der KDA-Vorsitzende kritisiert, dass solche Wohnformen im Alter zunehmend als normal angesehen würden: „Corona hat die Dichteform der Kasernierung nur noch auf die Spitze getrieben und uns damit einen Spiegel vorgehalten.“
Kuratorium Deutsche Altershilfe: Praxishilfe Wohnformen für Pflegebedürftige erschienen
 
   
 

Welchen Mehrwert haben neue Wohnformen für Menschen mit Pflegebedarf und wo liegen die Grenzen? Das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) hat die Konzepte von mehr als 50 Modellprojekten begutachtet und Bewohnerinnen und Bewohner gefragt, wie sie die neuen Wohnformen erleben. Die Erkenntnisse hat das KDA jetzt in Form einer Arbeitshilfe praxisnah aufbereitet. Sie gibt ausführliche Einblicke in Praxisbeispiele und Möglichkeiten der Planung, Durchführung und Verstetigung neuer Wohnformen. Eine Checkliste hilft bei der Umsetzung. Außerdem gibt es Tipps für Förder- und andere Unterstützungsmöglichkeiten.

 

Die Arbeitshilfe können Sie downloaden: https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/presse/publikationen/Arbeitshilfe_Wohnformen_2020_barrierefrei.pdf
aus Bagso newsletter  nr.12
 
Fünf Typen der Bewältigung: Wie Menschen mit der Corona-Krise umgehen
Das auf tiefenpsychologische Kulturforschung spezialisierte rheingold Institut hat in unserem Auftrag untersucht, wie Menschen die Corona-Krise persönlich verarbeiten. Es lassen sich fünf unterschiedliche Typen von Bewältigungsstrategien identifizieren. Diese sollten bei der gesellschaftlichen Bewältigung der Corona-Krise stärker berücksichtigt werden.
Die Corona-Krise greift tief in die Lebensgewohnheiten der Menschen ein. Dabei zeigt sich, dass Menschen die Krise sehr unterschiedlich wahrnehmen und auf verschiedene Weise mit Verunsicherung, Kontrollverlust und unvorhersehbaren Veränderungen im Alltag umgehen.
Je nach Persönlichkeitstyp gibt es auch Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten in den Bewältigungsstrategien. Die Forscher und Forscherinnen vom rheingold Institut konnten fünf Krisentypen identifizieren, die durch spezifische Strategien im Umgang mit den Zumutungen der Corona-Pandemie charakterisiert sind: "stabile Krisenmanager", "kreative Vergemeinschafter", "tatkräftige Optimisten", "besorgte Schutzsuchende" und "eigenmächtige Aktivisten".

Die fünf Typen in den unterschiedlichen Phasen der Krise
Der persönliche Typus des Umgangs mit der Corona-Krise spielt aber auch für die gesellschaftliche Krisenbewältigung eine wichtige Rolle. Denn alle Krisentypen können mit ihren Stärken durchaus dazu beitragen, gesellschaftlich gut durch die Krise zu kommen.
So standen am Anfang der Krise die "stabilen Krisenmanager" im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die durch Ihre Ruhe und Zuversicht gesamtgesellschaftlich zur Stabilisierung der Situation beigetragen haben. Dazu heißt es in der Studie: "Stabile Krisenmanager sind Helfer und Geber – wer kann, engagiert sich für Arme, kauft ein für Risikogruppen, näht Masken, packt Hilfspakete für Obdachlose oder spendet Geld." Auch "kreative Vergemeinschafter" und "tatkräftige Optimisten" prägten das Bild der ersten Phase der Krise, in der die Menschen ihre Ohnmachtsgefühle vor allem durch Aktivismus versuchten, zu bekämpfen.
Im Verlauf der Krise hat sich dann aber auch gezeigt, dass persönliche Bewältigungstypen mit manchen ihrer Schwächen die Krise verschärfen können. Insbesondere "eigenmächtige Aktivisten" mit ihrer Tendenz zum Schwarz-Weiß-Denken haben mehr und mehr das Bild der Krise bestimmt. "Oft glauben sie, die Dinge besser zu durchschauen als die politischen Entscheidungsträger", heißt es in der Studie. Der Schritt zum Verschwörungsdenken liegt da manchmal nicht weit. Für Verschwörungsdenken anfällig zeigen sich auch "besorgte Schutzsuchende", die "durch die Pandemie zutiefst erschüttert und aufgescheucht" sind.
Ableitungen für die Krisenkommunikation
Die Ergebnisse zeigen, dass die persönliche Krisenbewältigung auch gesamtgesellschaftliche Folgen hat.
Die Corona-Krise greift tief in die Lebensgewohnheiten aller Menschen ein, wird aber teils sehr unterschiedlich verarbeitet. Die Entscheider aus Politik  und öffentlicher Verwaltung sollten die verschiedenen Typen individueller Bewältigungsformen stärker berücksichtigen, um Maßnahmen verständlicher zu kommunizieren, Konflikte besser zu verstehen und gesellschaftlichen Polarisierungen vorzubeugen. Beispielsweise können digitale Bürgerdialoge auf kommunaler Ebene dabei helfen, die Sichtweisen der Menschen und gesellschaftliche Stimmungslagen einzufangen.
Die Studie ist Teil einer größeren Studie zu Glaubensüberzeugungen und Werthaltungen im Rahmen des Religionsmonitors der Bertelsmann Stiftung. Die Gesamtergebnisse werden in der zweiten Jahreshälfte 2020 veröffentlicht.
aus bertelsmann newsletter
 
 
Wie Populisten wertvolle Zeit in der Corona-Krise verlieren
Leugnen, Herunterspielen, Schuldige suchen – das bekannte Muster populistischer Politik macht vor der Corona-Krise nicht halt. Doch das Virus lässt sich damit nicht aufhalten und trifft mit seiner Wucht auf lange vernachlässigte Gesundheitssysteme.
von Karola Klatt
Eine Pandemie, das haben wir in diesen letzten Tagen und Wochen der Corona-Krise gelernt, fordert von der Politik entschlossenes Handeln und das Verhängen von unpopulären Maßnahmen: angefangen bei Veranstaltungsverboten über Schließungen von Bildungseinrichtungen bis hin zu Grenzkontrollen und Ausgangssperren. Das öffentliche und wirtschaftliche Leben wird zum Erliegen gebracht und tief in die Rechte von Bürgerinnen und Bürgern eingegriffen – und niemand weiß für wie lange. Was es bedeutet, in der Corona-Krise zu regieren, brachte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder kürzlich in einem Fernsehinterview auf den Punkt: „Wir handeln immer nach der Empfehlung der Virologen (…). Ich möchte, dass wir keinen Tag zögern, wenn wir die Empfehlung bekommen, jetzt zu handeln.“ Nur so, hoffen die gehetzten Politiker, lässt sich verhindern, dass sich das Virus weiter ungebremst ausbreitet und schon bald die Gesundheitssysteme überlastet.
Für die Bundespolitik Deutschland lobte Christian Drosten, Chef-Virologe der Berliner Charité in seinem täglichen Corona-Podcast: „Ich muss wirklich sagen, dass unser Gesundheitsminister sich informieren lässt und aktiv Experten anspricht.“ Viele Politiker in Europa und anderen Industrieländern verhalten sich ebenso und folgen in ihrem Handeln in dieser weltweiten Gesundheitskrise den Einschätzungen und dem Rat der akademischen Fachleute. Die meisten – aber längst nicht alle.
Donald Trumps „alternative” Corona-Fakten
Die Ländervergleichsstudie Sustainable Governance Indicators (SGI) der Bertelsmann Stiftung untersucht unter anderem die Frage, inwieweit die Regierungen der EU- und OECD-Länder bei ihrer Entscheidungsfindung den Rat von regierungsunabhängigen Sachverständigen berücksichtigen. Wenig erstaunlich ist, dass besonders populistische Regierungen in diesem Ranking eher schlecht abschneiden.
Donald Trumps Team, das gerne „alternative Fakten“ präsentiert, erhält hier 2019 nur noch 4 von 10 möglichen Punkten, das sind drei Punkte weniger als die Vorgängerregierung unter Obama. Die Autoren des SGI-Länderberichts USA schreiben dazu: „In gleichem Maße wie strategische und andere Expertise innerhalb der Regierung drastisch an Bedeutung verloren hat, wird eine unabhängige akademische oder forschungsbasierte Beratung von der Trump-Administration und dem republikanisch kontrollierten Kongress als nebensächlich erachtet oder gänzlich ignoriert.“
Noch bei seinem Staatsbesuch in Indien Ende Februar tönte der US-Präsident, der Corona-Ausbruch in seinem Land sei unter Kontrolle, das Problem werde verschwinden. Da gab es schon 50 nachgewiesene Corona-Infektionen von US-Bürgern und Nancy Messonnier, die Leiterin der zuständigen US-Behörde, des National Center for Immunization and Respiratory Diseases, mahnte, es sei keine Frage mehr, ob der Ausbruch passiere, sondern wann er passiere und wie viele Menschen schwer erkranken würden. Nicht mal drei Wochen später wissen wir, dass Trumps prahlerisches Ignorieren der wissenschaftlichen Prognosen ebenso wenig geholfen haben, das Virus aufzuhalten, wie seine Schuldzuweisungen gegen Europäer und Chinesen, als er das Problem nicht mehr leugnen konnte und sichtlich nervös wurde. Und selbst die America-First-Strategie scheint angesichts der weltweiten Herausforderung nicht zu funktionieren: Einiges deutet darauf hin, dass die Offerte des Weißen Hauses, sich die Exklusivrechte an einem Impfstoff zu sichern, gescheitert ist.
Ungarische Regierung schafft unabhängige Forschung ab
Auch Viktor Orbán hält nicht viel vom Austausch mit Wissenschaftlern. Im SGI-Ranking zum Einfluss von unabhängiger Expertise auf das Regierungshandeln landet Ungarn mit nur 2 von 10 möglichen Punkten auf dem letzten Platz. Die Länderexperten des SGI stellen fest: „Die Regierungen unter Orbán haben keinerlei Interesse an unabhängiger wissensbasierter Beratung gezeigt und viele führende Experten, die anfangs politisch mit ihnen sympathisierten, vor den Kopf gestoßen.“ In ihrer Ablehnung von unabhängiger Forschung geht die rechtsnationale Regierung noch weiter, als Experten nur zu ignorieren. In einem regelrechten Kulturkampf ist es ihr gelungen, kritische Wissenschaftler zum Schweigen zu bringen und selbst die Kontrolle über wissenschaftliche Forschungseinrichtungen zu übernehmen.
Zwar setzte Orbán in der Corona-Krise früh auf Einreise- und Veranstaltungsverbote, gab sich dann jedoch vor allem der Suche nach ausländischen Sündenböcken hin, statt die Zeit zu nutzen, um das Gesundheitssystem des Landes für den Corona-Ausbruch zu rüsten. Tastsächlich könnte die Corona-Pandemie für Orban zur politischen Zerreißprobe werden, denn das ungarische Gesundheitssystem ist längst zum Sorgenkind der EU geworden. Der Mangel an medizinischem Personal ist hoch, sowohl bei Allgemeinärzten als auch bei Krankenschwestern, insbesondere in ärmeren Gegenden. Die Autoren des SGI-Länderberichts Ungarn 2019 der Bertelsmann Stiftung stellen fest: „Einer der am stärksten von Konflikten geprägten Politikbereiche in Ungarn ist das Gesundheitswesen. Durch eine anhaltende Serie von Skandalen wurde diese Domäne zur großen Schwachstelle der Fidesz-Politik und führte zu massiven öffentlichen Protesten.“
Laut der Studie leidet das ungarische Gesundheitswesen darunter, dass kein Ministerium sich mit Fragen der Gesundheitsversorgung befasst. Mit nur rund 50 Prozent der durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit hat Ungarn außerdem eines der niedrigsten Gesundheitsbudgets der OECD-Länder. Nicht zuletzt deshalb ist eine große Anzahl von Ärzten und Krankenschwestern in den Westen ausgewandert, wo sie wesentlich besser verdienen können. In einigen Krankenhäusern mussten wegen des Ärztemangels bereits ganze Abteilungen geschlossen werden.
Es bleibt nur zu hoffen, dass die Pandemie Ungarn nicht so stark treffen wird, wie andere europäische Länder, denn sonst könnten die Auswirkungen hier für die im Gesundheitswesen tätigen und die Bevölkerung noch viel verheerender werden als in Italien oder Großbritannien. Ein überfordertes Europa, in dem jede Nation hinter dichtgemachten Grenzen versucht, seinen eigenen Weg aus der Corona-Krise zu finden, wird da kaum helfend einspringen können.
Karola Klatt ist Wissenschaftsjournalistin und Redakteurin der SGI News und des BTI Blogs der Bertelsmann Stiftung.
„Gefährdete pflegen besonders Gefährdete“
Die Corona-Pandemie deckt die Schwachstellen der Pflegeversorgung hierzulande erbarmungslos auf. Pflegeheime, ambulante Dienste und häusliche Pflege erleben eine dramatische Zuspitzung der Situation. Entspannung ist nicht in Sicht, auch wenn der Lockdown derzeit schrittweise gelöst wird. Eine Expertise des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) rückt jetzt die Pflegehaushalte in den Fokus. Deutschlands größter Pflegedienst ist nunmal die Familie und braucht dringend Unterstützung, so das Fazit der Wissenschaftler Björn Fischer und Johannes Geyer.
Corona-Krise setzt Pflegehaushalte unter heftigen Druck
Von den 3,7 Mio. Menschen in Deutschland mit Pflegeleistungen leben 800.000 in Pflegeheimen (2018), die große Mehrheit wird hingegen zu Hause versorgt. In 80 Prozent der Pflegehaushalte leisten Angehörige, Freunde und Nachbarn die informelle Pflege, also Menschen ohne pflegerische Ausbildung. Auch das Umfeld professioneller Pflegearrangements befindet sich derzeit im Krisenmodus. Die Tagespflege ist vielerorts eingeschränkt, Pflegekra?fte aus Osteuropa fehlen, Pflege- und Altenheime nehmen ha?ufig keine neuen Bewohner*innen auf. Die Folge: „Den informell Pflegeleistenden wird nun noch mehr abverlangt als ohnehin schon.“ 
Pflegende Angehörige mit erhöhtem Infektionsrisiko
Knapp 4,3 Mio. Menschen leisten regelmäßig informelle Pflege. Der Großteil ist über 50 Jahre alt und zählt damit ohnehin zur Risikogruppe. Überwiegend wird diese Pflege außerhalb des eigenen Haushalts erbracht, zusammen mit anderen Personen und zu wechselnden Tageszeiten. Pflegende Angehörige, denen es oft an Schutzausrüstung mangelt, gehen mithin ein erhöhtes Infektionsrisiko für sich und ihre Schützlinge ein. Demenzkranke, die mobil sind, aber die aktuelle Gefahr nicht einschätzen können, erschweren die Situation zusätzlich.
Pflegeengpass hält noch lange an
Solange noch kein Impfstoff verfügbar ist, befindet sich die gesamte Pflegebranche in einer Ausnahmesituation. Pflegehaushalte sind aktuell besonders von der stark eingeschränkten oder gar nicht stattfindenden Tagespflege betroffen, welche die Angehörigen entlasten und Pflegebedürftige bei der Strukturierung ihres Alltags unterstützen soll. „In die Bresche springen wohl in erster Linie Familienangeho?rige, die ohnehin schon viele Pflegestunden leisten und gleichzeitig oft selbst zur Corona-Risikogruppe geho?ren“, heißt es in dem DIW-Papier. 
Neue Balance gefragt
30 Prozent der Pflegeleistenden arbeiten in Vollzeit, weitere 16 Prozent in Teilzeit. Die Folgen der Corona-Pandemie lassen sich fu?r diese Gruppen laut Wissenschaftler nur grob abscha?tzen. „Ein Teil der Erwerbsta?tigen ist vermutlich von Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und auch Fru?hverrentung betroffen.“ Ein anderer Teil der Erwerbsta?tigen dürfte große Probleme mit den genannten Einschra?nkungen des Pflegeangebots haben und muss um eine neue Balance von häuslicher Pflege und Beruf kämpfen.
Pflegehaushalte brauchen Unterstu?tzung
Die Autoren schlagen fu?r die Zeit der Kontaktbeschra?nkungen einen erleichterten Zugang zu finanzieller Unterstu?tzung von pflegenden Angehörigen vor. Dazu böte sich an, den Rechtsanspruch auf das zinslose Darlehen wa?hrend der Pflege- oder Familienpflegezeit auszudehnen und die Ru?ckzahlung auszusetzen. „Damit ko?nnten erwerbsta?tige Personen in die Lage versetzt werden, ihre Arbeitszeit zu reduzieren und den Wegfall der formellen Pflege zu kompensieren.“
Um die derzeit besonders erschwerten Pflegebedingungen nicht auf die Angehörigen abzuwälzen, müsse ein bedarfsgerechtes Angebot an Heimplätzen sichergestellt sein. Ein wichtiger Schritt dahin sei eine ausreichende Versorgung mit Corona-Tests und Schutzkleidung, um die Heimaufnahme auch weiterhin möglich zu machen.
Für die Pflege zu Hause und im Heim gelten gleichermaßen hohe Hygieneanforderungen. Daher müssten beide Bereiche ausreichend mit Hygienemitteln versorgt werden, fordert die DIW-Expertise. Wichtig seien auch Schulungen der pflegenden Angehörigen, damit sie sich selbst und ihre Pflegebedürftigen vor Infizierung schu?tzen könnten.
 
Björn Fischer / Johannes Geyer, Pflege in Corona-Zeiten: Gefährdete pflegen besonders Gefährdete, DIW aktuell 04/2020, Hg.: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), 6 Seiten, Download
aus bfs trendinfo
Demokratie weltweit unter Druck
Der serbische Staatschef Aleksandar Vuc?ic? diffamiert Journalisten als „Lügner“ und „Spione“, in Brasiliens lassen Agrarunternehmer indigene Regenwaldbewohner umbringen, in Deutschland sollen Politiker*innen am Internet-Pranger mundtot gemacht werden: Extreme Beispiele aus unterschiedlichen Regionen, aber längst keine Ausnahmefälle mehr. Fast überall auf der Welt, wo Menschen das freie Wort gegen Korruption, Umweltzerstörung oder Landraub erheben, sind die politischen Spielräume kleiner, zum Teil lebensgefährlich eng geworden. Das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt“ nimmt in dem aktuell dritten „Atlas der Zivilgesellschaft 2020“ eine düstere Bestandsaufnahme der globalen Erosion demokratischer Grundrechte vor.
In 153 Staaten Zivilgesellschaft im Fadenkreuz 
Auch in Europa mehren sich autokratische Tendenzen. In 153 von 196 Staaten behindern Regierungen das Recht auf freie Meinungsäußerung und friedliche Versammlung, werden Menschen bedrängt oder bedroht, wenn sie sich politisch einmischen. Die Studie stützt sich auf Recherchen des internationalen Netzwerks Civicus zwischen Oktober 2018 bis November 2019. Ein Schwerpunkt ist die Bedrohung politisch aktiver Frauen.
Nur drei Prozent der Weltbevölkerung leben in offenen Staaten 
Die Staaten werden fünf Kategorien zugeordnet: von „offen“ über „beeinträchtigt“, „beschränkt“ und „unterdrückt“ bis „geschlossen“.
  • Nur knapp 260 Millionen Menschen leben laut Studie in 43 offenen Staaten – drei Prozent der Weltbevölkerung. Ein Jahr zuvor waren es noch vier Prozent. In diesen Staaten werden Menschenrechte geschützt, herrscht zivilgesellschaftliche Teilhabe, dürfen Medien frei berichten (z. B. Dänemark, Deutschland, Niederlande, des Weiteren Costa Rica, Taiwan, Uruguay).
  • Für 91 der 196 Länder registriert der Atlas Rechtstaatsverletzungen, darunter 13 EU-Staaten. Zu differenzieren sind hier Beeinträchtigungen – die juristische Verfolgung regierungskritischer Organisationen oder Gewalt gegen Demonstranten (z. B. Albanien, Frankreich, Japan, Polen, USA) – und Beschränkungen, etwa durch staatliche Überwachung, öffentliches Mobbing oder Gewalt gegen Kritiker (Brasilien, Ukraine, Ungarn). Von diesen Maßnahmen sind 2.3 Mrd. Menschen oder 30 Prozent der Weltbevölkerung betroffen.
  • Weltweit müssen laut Atlas weitere drei Milliarden Menschen in 38 Staaten befürchten, unterdrückt, inhaftiert oder sogar getötet zu werden, wenn sie die Machthaber kritisieren (40 %). Zu dieser Ländergruppe gehören Afghanistan, Türkei, Russland, Venezuela.
  • In 24 Ländern mit etwa zwei Milliarden Menschen werden Kritik und Protest gewaltsam unterbunden (27 %). Solche vollständig geschlossenen Gesellschaften finden sich in Ägypten, China, Iran, Nordkorea, Saudi-Arabien und Syrien. Kritik am herrschenden System wird schwer bestraft, das Internet zensiert, Oppositionelle müssen mit körperlicher Misshandlung und Mord rechnen.
Frauen besonders von Gewalt betroffen
Die meisten gemeldeten Angriffe auf zivilgesellschaftliche Aktivitäten im Untersuchungsraum waren laut der Studie von Brot für die Welt gegen Frauen gerichtet. Häufige Erscheinungsformen der Attacken waren bzw. sind Hassbotschaften und sexualisierte Belästigung in sozialen Medien, sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung und Mord. Weit verbreitet ist, zugleich die Kinder und Familien dieser Frauen zu bedrohen.
Auch in Europa leben Frauen gefährlich
Warum trifft es so oft Frauen? In vielen Ländern sind sie vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, sozioökonomisch und juristisch nicht gleichgestellt und schon daher prinzipiell verletzlich. Sie und ihre Organisationen seien es häufig, „die Entwicklungs- und Versöhnungsprozesse tragen und positive Veränderungen anstoßen", begründet die Studie. In Ländern Lateinamerikas werden sie zur Zielscheibe von korrupten Politikern, Investoren und Großgrundbesitzern, weil sie sich für Landrechte und Umweltschutz stark machen; in fundamentalistisch-islamischen Ländern wehren sie sich gegen patriarchale Unterdrückung. Auch in Europa müssen politisch aktive Frauen mit Bedrohungen rechnen: Beispielhaft steht dafür die Anku?ndigung britischen Parlamentarierinnen vor dem Unterhauswahlen Ende 2019, wegen sexueller Bedrohung nicht mehr anzutreten. Die Ermordung der Labour-Abgeordneten Jo Cox kurz vor dem Brexit-Referendum wirkte nach.  
Zurück zur traditionellen Familie
Hinter dieser Entwicklung stehen laut Atlas nationalistische Parteien und fundamentalistische politische und religio?se Gruppierungen. Sie sind weltweit auf dem Vormarsch und hervorragend vernetzt. Ihr Ziel: zurück zur traditionellen Familie, zu tradierten Machtstrukturen und Geschlechterrollen. Frauen, Homosexuelle und ethnische Minderheiten sollen eingeschüchtert und in ihren Rechten beschnitten werden. Der Atlas der Zivilgesellschaft fasst zusammen: „In allen Teilen der Welt zahlen Frauen einen besonders hohen Preis für ihr politisches und gesellschaftliches Handeln.“
Weltweit regt sich Protest
Eine aktive Zivilgesellschaft ist für die demokratische Entwicklung eines Landes unabdingbar. „Shrinking Space“, der seit einigen Jahren schrumpfende Entfaltungsraum zivilgesellschaftlicher Organisationen, sollte entschlossen beim Namen genannt und zurückgewiesen werden, fordert die Studie. Tatsächlich erleben wir in jüngster Vergangenheit ganz unterschiedliche Protestaktivitäten: Demonstrationen gegen politische Unterdrückung in Hongkong und Russland, für einen radikalen Klimaschutz weltweit sowie die Arbeit zahlreicher Frauen und Frauenrechtsorganisationen in den Ländern des globalen Südens.
Ausblick: „Eine Pandemie, die den Rechtsstaat befällt“
Mit der Corona-Pandemie, genauer, den politischen Maßnahmen zu ihrer Eindämmung, erhält das Thema eine ungeahnte Brisanz mit offenem Ausgang. In atemberaubendem Tempo werden weltweit Grundfreiheiten aufgehoben, ist von Notstand und Ermächtigung die Rede. UN-Generalsekretär Antonónio Guterres mahnte aktuell die Einhaltung der Menschenrechte im Kampf gegen das Coronavirus an, und warnte, die Krise als Vorwand für repressive Politik zu missbrauchen. Weltweit geschieht genau das: In Ungarn hat Regierungschef Viktor Orban mit einem Notstands-Dekret das Parlament entmachtet, China baut den Überwachungsstaat aus, US-Präsident Trump beansprucht „allumfassende Macht“. Natürlich muss alles getan werden, um die Pandemie zu besiegen, die Politik darf aber den Blick für die Verhältnismäßigkeit und zeitliche Begrenzung der Eingriffe nicht verlieren. Stellvertretend für viele Warnungen sei hier die Bestsellerautorin und Verfassungsrichterin Juli Zeh zitiert: „Eine Pandemie, die Menschen krank macht, ist schlimm genug. Eine Pandemie, die den Rechtsstaat befällt und die freiheitliche Gesellschaft womöglich unheilbar erkranken ließe, wäre noch schlimmer.“
 Christian Jakob / Christine Meissler / Carsta Neuenroth / Nils Utermöhlen, Atlas der Zivilgesellschaft 2020. Report zur weltweiten Lage. Hg.: Brot für die Welt, Berlin 2020, 82 Seiten
www.brot-fuer-die-welt.de/themen/atlas-der-zivilgesellschaft
aus bfs trendinfo 5/20
Deutscher Sozialstaat braucht mehr als höhere Geburten- und Zuwanderungszahlen
Geburten und Zuwanderung gelten als wesentliche Stellschrauben, um der demografischen Alterung entgegenzuwirken. Unsere Studie zeigt jedoch, dass selbst deutlich höhere Zuwanderungs- und Geburtenzahlen die bevorstehenden Herausforderungen für die sozialen Sicherungssysteme allein kaum beeinflussen können. Nur mit einem Maßnahmen-Mix lassen sich negative Effekte abfedern. 
In den nächsten 20 Jahren wird die Bevölkerung in Deutschland stark altern. Unabhängig davon, ob die demografischen Trends der letzten 40 Jahre anhalten oder sich Geburten- und Zuwanderungszahlen deutlich erhöhen, steigen die Ausgaben der sozialen Sicherung dadurch bis 2045 von derzeit 890 Milliarden Euro auf etwa 1,6 Billionen Euro (in Preisen von 2017). Auch danach ist keine Entspannung in Sicht. Um das zu finanzieren, würden nach derzeitigem Rechtsstand die jüngeren Generationen immer stärker belastet: Für die im Jahr 2010 Geborenen steigen die durchschnittlichen Beitragssätze auf über 50 Prozent der beitragspflichtigen Einkommen. Das sind die Ergebnisse einer Studie, die Martin Werding und Benjamin Läpple von der Universität Bochum in unserem Auftrag erstellt haben. Ziel der Studie ist es, anhand zahlreicher Langfrist-Simulationen zu untersuchen, ob mehr Geburten und Zuwanderung den seit langem absehbaren demografischen Alterungsprozess in Deutschland überhaupt noch deutlich abmildern oder sogar aufhalten können, und welche Effekte ein Maßnahmen-Mix wann entfalten könnte.
 
Zuwanderung und Geburten halten die Alterung kaum auf
Während aktuell auf 100 Personen zwischen 15 und 64 Jahren etwa 33 Personen  über 65 Jahre kommen, werden es 2035 etwa 50 Ältere sein. Selbst wenn die durchschnittliche Kinderzahl je Frau ab dem nächsten Jahr auf 2,0 steigen und sich bis 2040 weiter auf 2,2 erhöhen würde, hätte das auf den starken Alterungsprozess bis 2035 keinen Einfluss. Denn mehr Geburten wirken erst dann positiv auf die demografische Alterslast, wenn die zusätzlich geborenen Kinder ihr 15. Lebensjahr vollenden und erwerbsfähig sind. 
Durch steigende Zuwanderungszahlen wiederum lässt sich der Alterungsprozess zwar zunächst abdämpfen. Langfristig altern jedoch auch die Zuwanderer oder wandern wieder ab. Bleiben die Wanderungssalden nicht dauerhaft hoch, verschärft sich der Alterungsprozess langfristig sogar noch.
Jüngere Generationen werden immer stärker belastet
Besorgniserregend ist den Autoren zufolge, dass selbst unter der weniger realistischen Variante mit hoher Geburtenrate und hoher Immigration die Ausgaben in der sozialen Sicherung substanziell steigen werden. Sie klettern bis 2045 von insgesamt gut 27 Prozent des BIP im Jahr 2017 (rund 890 Milliarden Euro) auf rund 33 Prozent (rund 1,6 Billionen Euro), mit anschließend weiter steigender Tendenz. Auch daran ändern mehr Geburten kaum etwas. Grund hierfür ist, dass sie unmittelbar die Ausgaben für Bildung und Familie erhöhen, während sie die Belastung durch Ausgaben für ältere Personen erst längerfristig dämpfen.
Unter diesen Bedingungen müsste ein im Jahr 2010 geborener Durchschnittsverdiener im Vergleich zu einem 1970 Geborenen mit identischem Brutto-Lebenseinkommen im Verlauf seines Erwerbslebens insgesamt etwa 171.000 Euro mehr Sozialbeiträge zahlen, um die gleichen Leistungen zu beziehen. Die gesamten Sozialbeiträge eines Erwerbslebens würden damit von durchschnittlich rund 570.000 Euro (Jahrgang 1970) auf 741.000 Euro (Jahrgang 2010) steigen.
 
 
Nicht Einzelmaßnahmen, sondern zeitlich abgestimmter Maßnahmen-Mix nötig
Die projizierten Folgen sind jedoch nicht vollkommen unausweichlich. Unsere Szenarien zeigen: Wenn ein moderater Anstieg von Geburten und Zuwanderung mit einem höheren Beschäftigungsniveau kombiniert wird, lassen sich sowohl kurz- als auch langfristig positive Effekte für die Sozialfinanzen erzielen. "Mögliche Instrumente sind eine schnellere Erwerbsintegration von Zuwanderern, ein Anstieg der Erwerbstätigkeit und des Arbeitsvolumens bei Frauen und Migranten sowie eine Erhöhung der Regelaltersgrenze, die sich an der steigenden Lebenserwartung orientiert", so Martina Lizarazo López. Gefordert seien deshalb unterschiedliche Politikfelder wie etwa Bildungs-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Auch wenn Änderungen des Erwerbsverhaltens teilweise den Charakter einer reinen Lastverschiebung haben, weil höhere Ansprüche erworben werden und dadurch künftig die Rentenausgaben steigen, überwiegen den Autoren zufolge aber bei weitem die günstigen Effekte: Der Anstieg der Sozialausgaben kann dadurch bis 2045 um drei Prozentpunkte, bis 2060 sogar um fast 5 Prozentpunkte gesenkt werden. Die Effekte für die Beitragssätze sind sogar noch etwas stärker.
"Wenn wir aus so stark steigenden Sozialbeiträgen keine Konsequenzen ziehen, droht ein massiver Verteilungskonflikt zwischen Jung und Alt."
Martina Lizarazo López, Demografie-Expertin der Bertelsmann Stiftung
 

 
Buchempfehlung
Rutger Bregman: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit
Rowohlt Verlag 2020, 430 Seiten, 24,- Euro
 Rutger Bregman gilt als internationaler Shootingstar, seit er bei seinem ersten Besuch beim Weltwirtschaftsforum in Davos im vorigen Jahr die Mächtigsten dieser Welt hart kritisierte. Seine wütende Rede gegen das Establishment, deren Steuervermeidungsmodell er anprangerte, machte den niederländischen Historiker in kürzester Zeit weltbekannt. Das Video seines Auftritts wurde im Netz millionenfach geteilt. In seinem ersten Buch „Utopien für Realisten“ argumentierte der Journalist für das Grundeinkommen für alle. In seiner neuen Geschichte der Menschheit beschreibt Rutger Bregman, weshalb Menschen seiner Meinung nach gar nicht so egoistisch sind, wie oft behauptet wird, sondern: im Grunde gut.
Rutger Bregman verbreitet Optimismus inmitten aller Schreckensnachrichten. Indem er eine ganz zentrale Idee in Frage stellt, die in westlichen Kulturen tief verankert ist und unser Selbstverständnis seit Jahrhunderten prägt. Die These, dass der Mensch des Menschen Wolf und die Zivilisation nur eine dünne Schicht sei. Menschen würden im tiefsten Inneren von dunklen Impulsen geleitet und sobald etwas Außergewöhnliches passiert, breche sich das Animalische Bahn. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen widerlegen diese Theorie, schreibt der niederländische Historiker. Die Coronakrise kann seiner Meinung nach gut mit der Lage nach Naturkatastrophen wie einem Erdbeben oder einem Tsunami verglichen werden. Meist wird in solchen Extremsituationen über Plünderungen oder Gewaltausbrüche berichtet und somit Menschen in Extremsituationen von ihrer schlechtesten Seite gezeigt. Die Botschaft von Rutger Bregman dagegen lautet: In der Krise finden Menschen einen Sinn für ihr Leben.
„Eine Explosion von Altruismus, von Füreinander da sein“
„Schaut man sich Hollywood-Filme an, bekommt man den Eindruck, während einer Naturkatastrophe geraten Menschen nur noch in Panik, jeder handelt ganz egoistisch und wird zur Bestie. Aber in Wirklichkeit passiert so ziemlich das Gegenteil“, sagt Rutger Bregman im Skype-Interview mit unserer Autorin. Soziologen haben nach Naturkatastrophen mehr als 500 Fallstudien rund um den Globus durchgeführt. Für den Historiker ist durchweg eine Explosion von Altruismus, von Füreinander da sein zu sehen, viele Menschen sich sozial verhalten und zusammen arbeiten. In den Medien bekommt der Zusammenhalt anfangs dagegen nicht so viel Aufmerksamkeit. „Es lohnt sich offenbar mehr, Panikkäufe zu zeigen und dass die Menschen Unmengen von Sachen horten. Aber gerade in der jetzigen Krise lässt sich erkennen, dass die große Mehrheit ganz naturgemäß sozial handelt und es wirklich eine Menge Leute gibt, die versuchen, einander zu helfen“, sagt der Historiker, der in einer Kleinstadt in der Nähe von Utrecht lebt.
Der Journalist, der für das von Lesern finanzierte Onlinemagazin „The Correspondent“ schreibt, hält ein überaus bemerkenswertes Plädoyer für das Gute im Menschen. Überraschend war für Rutger Bregman dagegen vor allem die Tatsache, dass es auch eine dunkle Seite der Freundlichkeit gibt. Vor allem, wenn Menschen den dringenden Wunsch haben, Teil einer Gruppe, einer Bewegung sein. Im Extremfall entwickelt sich daraus ein großes Misstrauen gegen alle anderen, die nicht dazugehören, sagt der Autor. Manchen fällt es dann sehr schwer, gegen die eigene Gruppe vorzugehen, wenn diese mit ihren Annahmen falsch liegt. Der Historiker erläutert dies am Beispiel von fremdenfeindlichen Konflikten: Wenn da Unrecht geschieht, aber keiner etwas sagt oder eingreift, um nicht als Miesmacher dazustehen. Seine Schlussfolgerung: Es ist einfacher, Mitläufer zu sein, als ein Held.
„Mein Buch ist kein happy clappy book.“
„Mein Buch ist kein Wohlfühl-Buch“ - kein happy clappy book, wie der Autor es nennt. „Ich gehe definitiv nicht davon aus, alle Menschen sind perfekt und wahre Engel. Ganz sicher nicht.“ Sein Credo: Wir bekommen das von den Menschen, was wir von ihnen erwarten. Wenn wir davon ausgehen, dass die meisten Menschen egoistisch, böse und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, kann man eine ganze Gesellschaft um diese Idee herum gestalten.“
Schulen, Demokratien, Arbeitsplätze, alles ist für Rutger Bregman so ausgerichtet, dass es nur das Schlechte im Menschen hervorbringt. Dreht man es um und erwartet nur das Beste von den Menschen, geht man also davon aus, dass in den meisten Menschen Zusammenhalt und Freundlichkeit programmiert sind, kann man diese Institutionen auf ganz andere Art und Weise gestalten. Anstatt in der Schule oder am Arbeitsplatz Konkurrenz zu belohnen, wird Empathie und einander helfen anerkannt. „Daran müssen uns jeden Tag auf Neue erinnern.“
Herr der Fliegen: Die Legendenbildung vom bösen Menschen.
Für Rutger Bregman tragen nicht nur Medien und Filme, sondern auch die Literatur zur Legendenbildung des bösen Menschen bei. Viele lesen in der Schule heute noch „Lord of the flies“ („Herr der Fliegen“), William Goldings Roman über eine Gruppe von Jugendlichen, die auf einer einsamen Insel stranden, zu Kriegern werden, einem aggressiven Anführer folgen und andere brutal ausschließen. Der Autor stieß für sein Buch „Im Grunde gut“ auf eine reale Geschichte. In den 1960er Jahren segelten mehrere Schulfreunde von Tonga aus nach Fidschi im Pazifischen Ozean und strandeten auf einer unbewohnten Insel. Über ein Jahr lebten sie dort, bis ein Kapitän namens Peter Warner sie zufällig entdeckte.
Rutger Bregman flog nach Australien, um mit dem Retter der Jungen zu sprechen. Es war für den Journalisten höchst faszinierend. Was Peter Warner erzählte, war für ihn das Gegenteil der "Herr der Fliegen“-Geschichte. Die Buben kochten, arbeiteten und schoben Wache nach einem strengen Zeitplan und ohne großen Streit. Sie waren aufeinander angewiesen, um zu überleben. Die wahre „Herr der Fliegen“-Geschichte ist für den Historiker eine Geschichte über Freundschaft und Zusammenhalt. Die Gestrandeten überleben auf der Insel für 15 Monate und sind Freunde bis heute. „Es war der prägende Moment in ihrem Leben.“ Rutger Bregman schaffte es sogar, einen dieser ursprünglichen „Herr der Fliegen“-Überlebenden zu finden – er ist jetzt 70 Jahre alt, und erzählte ihm die ganze Geschichte.
„Das ist jetzt keine wissenschaftliche Studie, ich sage nur, wenn Millionen Menschen auf der ganzen Welt noch Goldings Roman „Herr der Fliegen“ in der Schule lesen müssen, dann sollten wir ihnen vielleicht auch sagen, was das eine Mal tatsächlich passiert ist, als sich so etwas wirklich ereignete. Denn die wahre Geschichte ist eine von Hoffnung und Resilienz.“ Das belegt Rutger Bregmans These: Katastrophen und Krisen bringen das Beste in vielen Menschen zum Vorschein.
 
Macht korrumpiert
Der Buchtitel hätte auch lauten können „Im Grunde gut, aber Macht korrumpiert“, sagt Rutger Bregman. Für ihn ist Macht eine Droge, mit der man sehr vorsichtig umgehen sollte. Das habe ihn sein Besuch auf dem Weltwirtschaftsgipfel Anfang 2019 in Davos deutlich gezeigt. Der Autor verlangte von den versammelten Millionären höhere und gerechtere Steuern. „Alles andere ist Bullshit!", sagte der Kapitalismuskritiker in Davos. Unendlich viele psychologische, soziologische, historische Beweise belegen seiner Meinung nach, dass Macht korrumpiert. Natürlich gibt es in der Menschheitsgeschichte auch Egoismus, Gewalt, Aggression und Hass.
Der Autor beschreibt auch ausführlich diese dunkle Seite des guten Menschen. Seiner Meinung nach wird aktuell in Demokratien, Schulen und Gesellschaft vor allem der Egoismus gefördert. Die Frage ist für Rutger Bregman: Wer profitiert davon, wenn Menschen als rücksichtslos, egoistisch und böse gelten?
„Diese Idee, dass die meisten Menschen tief drinnen egoistisch und eigennützig sind, war oft im Interesse der Mächtigen. Wenn Sie und ich einander nicht vertrauen können, dann brauchen wir Monarchen, Generäle, Könige, CEOs und Manager, um uns in Schach zu halten. Aber wenn ich sage, die meisten Menschen sind anständig oder Im Grunde Gut, dann ist die Frage, brauchen wir Könige und Manager noch“ Für den Historiker ist die zentrale Idee seines Buchs „keine Elfenbeinturmphilosophie, sondern ziemlich revolutionär“. Wenn nicht jetzt wann dann, ist es Zeit, sich grundsätzliche Fragen zum Zusammenleben zu stellen. Dazu gehört für Rutger Bregman die Idee des garantierten Mindesteinkommens, bessere Arbeitsbedingungen und Institutionen, die auf das Gute im Menschen setzen.
„Den meisten Menschen fortwährend vertrauen.“
Am Ende seines Buches hat der Historiker zehn Lebensregeln formuliert, die helfen sollen, an das Gute im Menschen zu glauben. Die wichtigste Regel, die er persönlich versucht zu leben, wie er glaubhaft versichert: Geh im Zweifel vom Guten aus. Sein Tipp: „Nehmen sie im Zweifel das Beste im anderen Menschen an. Erstens liegen Sie damit meistens richtig - und zweitens: Wollen Sie wirklich Ihr Leben so leben, dass sie den meisten Menschen ständig misstrauen“ Der Preis dafür ist für Rutger Bregman „einfach zu hoch“. Er findet es besser, „den Kollateralschaden zu akzeptieren und ein paar Mal im Leben abgezockt oder getäuscht zu werden“. Besser wäre zudem seiner Meinung nach, „grundsätzlich den meisten Menschen fortwährend zu vertrauen“. „Und wenn Sie noch nie abgezockt wurden, sollten Sie sich die Frage stellen: Ist meine Grundeinstellung zum Leben vertrauensvoll genug“
Fazit: Im Grunde gut
„Im Grunde gut“ ist eine überraschend unterhaltsame Reise durch den aktuellen Forschungsstand der soziologischen, biologischen und historischen Geschichte der Menschheit, mit vielen interessanten, amüsanten und tiefschürfenden Anekdoten. Rutger Bregman belegt eindrücklich, dass sich der Mensch im Laufe der Evolution zu einem freundlichen Wesen entwickelt hat und leistet politische Bildungsarbeit im allerbesten Sinne. Der Historiker hinterfragt dabei immer auch seine eigene Weltanschauung und macht Lust, ihm nachzueifern und das eigene Denken beim Lesen zu überprüfen, wie man sich eine gerechtere Gesellschaft vorstellt, was wir Menschen dafür tun können. Oder anders ausgedrückt: Realistisch zu bleiben.
aus bfs trendinfo 5/20